Interview mit Vorstandsvorsitzenden Viktor Müller
Aufbruch zu einer besseren Streitkultur

Viktor Müller, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Stiftung Mediation über Chancen der alternativen Streitbelegung und die Zielsetzung der Stiftung.
Am 22. März wurde die Deutsche Stiftung Mediation gegründet. Welches Ziel verfolgt diese Stiftung?
Die Deutsche Stiftung Mediation verfolgt einen gesellschaftspolitischen Auftrag, die Streitkultur in Deutschland zu verbessern. Die Stiftung versteht sich als neutrale Stelle, die uneigennützig „Mediation“ an die Menschen herantragen möchte. Ihr übergeordnetes Ziel ist es, Mediation als alternative Methode zur Konfliktlösung in unserer Gesellschaft zu etablieren. Bei der Stiftung steht also das Thema Mediation aus Sicht der Medianden an erster Stelle. Folglich unterscheiden wir uns genau darin von den vielen Verbänden in Deutschland und Europa, die naturgemäß die Interessen der Mediatoren in den Vordergrund rücken.
Die Stiftung engagiert sich dafür, die Mediation als alternatives Verfahren zur Konfliktlösung in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu transportieren. Was sind die Vorteile einer Mediation?
Eine Mediation erfolgt immer freiwillig. Das heißt: Wer sich für diesen Weg der außergerichtlichen Einigung entscheidet, übernimmt die Verantwortung dafür, seine eigenen Konflikte aus eigener Kraft zu lösen. Darin liegt genau der Vorteil: Die Konfliktparteien erarbeiten und gestalten ihr Ergebnis gemeinsam. In mehr als 70 Prozent der Fälle gelingt es dadurch, konstruktive, individuelle, tragfähige und dauerhafte Lösungen zu erarbeiten. In herkömmlichen Gerichts-, Schiedsverfahren, in Schlichtungen oder vor den Gütestellen geben die Streitpartner diese Entscheidung ab. Sie delegieren ihre Verantwortung und sehen sich nach langwierigen Verfahren gezwungen, mit einer fertigen Lösung und mit weitaus höheren Kosten zurechtzukommen.
Wie weit ist der Weg bis Mediation als praktikables Streitverfahren in den Köpfen verankert sein wird?
Das erfordert Umdenken. Keine Frage. Denn wir haben gelernt, dass das Recht im Gesetz steht. Und wir haben Normen und Werte verinnerlicht, die unser Handeln und unser Bewusstsein von Recht und Unrecht prägen. Die Menschen müssen verstehen, was Mediation bedeutet, wie sie funktioniert und in die Tat umgesetzt werden kann: Mediation bearbeitet keine Konflikte. Mediation ist ein Entscheidungs- und Gestaltungsverfahren. Sie ermöglicht Kommunikation und kann für beide Parteien gewinnbringende Perspektiven eröffnen. Das zu vermitteln wird in den nächsten Jahren eine der Aufgaben unserer Stiftung sein. Viele positive Beispiele, die wir - unter Umständen anonymisiert - bekannt machen möchten, werden dieses neue Denken unterstützen.
Wenn Mediationen Kosten sparen – warum machen Streitparteien im privaten und beruflichen Umfeld nicht intensiver davon Gebrauch?
Weil Mediation viel zu wenig bekannt ist. Wir haben jüngst eine Umfrage in Auftrag gegeben, die das deutlich belegt. Aus den Ergebnissen dieser Studie wissen wir auch, dass landläufig Mediation sehr oft mit Meditation verwechselt wird. Das heißt: Nur wenige Menschen in Deutschland wissen, dass sie Mediation als gute Alternative zu Anwalt oder Gericht einsetzen können. Sicher betrifft das vor allem Privatpersonen. Was Unternehmen angeht, bewerte ich die Situation etwas anders. Mediation gefährdet Machtgefälle. Da müssen wir uns nichts vormachen. Mediation bricht das kultivierte Schemadenken der Sieger und Verlierer auf. Und noch dazu versteht die Mediation Konflikte als eine Chance und nicht – wie in vielen Köpfen verankert – als etwas Schlechtes. Dann wird nachvollziehbar, warum Unternehmenslenker und Führungskräfte sich nicht ohne weiteres für Mediationen öffnen, um Chancen zu nutzen und auch Schwächen einzugestehen. Hier tut offensichtlich Aufklärung not. Und hier setzt unsere Stiftungsarbeit an.
Wie können Unternehmen von der Stiftungsarbeit profitieren?
Konflikte innerhalb und außerhalb eines Betriebes bergen Sprengstoff und verursachen hohe Kosten. Mediation ist beispielsweise in Mobbingfällen eine sehr gute Möglichkeit der Gesundheitsprävention und kann die Situation deutlich entschärfen. Aus der Studie einer Unternehmensberatung geht hervor, dass jeder einzelne Mobbingfall ein Unternehmen mit Kosten in Höhe von 60.000 Euro* belastet. Die Stiftung wiederum vermittelt Grundlagen mediativen Handelns und möchte Impulse setzen, Ausbildungen von Unternehmensmediatoren anregen und die Chancen der Mediation interessierten Firmen näher bringen. Dieses Angebot ist für Führungskräfte, Betriebsräte und Mitarbeiter interessant und wertet schlussendlich die Qualität des Unternehmens als Arbeitgeber auf.
Das Gespräch führte Susanne Kleiner, Pressesprecherin der Deutsche Stiftung Mediation.
*Quelle: Konfliktkostenstudie der KPMG
(Download unter http://www.kpmg.de/Presse/14276.htm)
