Selbst ist der Mensch...!

30. Nov 11: Ich möchte einen Konfliktverlauf beschreiben, den ich in der Funktion als Vorgesetzter zwischen in- und externen Angestellten erlebt habe.
Völlig aufgebracht kam ein externer Auftragnehmer zu mir und beschwerte sich lautstark über einen meiner Mitarbeiter. Dieser hatte die Verantwortung für einen Bereich von etwa 30 Personen, der zu einem Drittel aus externen Auftragnehmern bestand. Für diesen Bereich steuerte er zudem das Rechnungswesen. Die Rechnungsinhalte wurden also in der Regel untereinander geklärt. Hier muss es wohl ein „unlösbares Problem“ gegeben haben.
Der Mann stürzte also, nachdem er das Sekretariat erfolgreich passiert hatte, in mein Büro und sprach sehr erregt aber dennoch äußerst beherrscht: „Das ist das Allerletzte, der ist so arrogant, der redet nicht mal mit einem, bodenlos. Sie wissen, dass ich mich in einer verzweifelten Lage befinde, sonst würde ich das mit seinen Vorgesetzten klären. Der eine ist aber im Urlaub. Und der andere auf Dienstreise. Deshalb bitte ich zur Klärung des Sachverhalts um ein Gespräch mit Ihnen”.
Nachdem es mir gelungen war, den Mann zu beruhigen, indem ich ihm signalisierte, dass es zu diesem Gespräch kommen werde, um das Problem, dass ihn fassungslos machte, aus der Welt zu schaffen, vereinbarten wir einen Termin.
So wie meine Kenntnisse über den Kollegen waren, über den sich der Mann soeben echauffierte, konnte ich mir das gar nicht vorstellen. Ich hatte ihn als verantwortungsvollen, hilfsbereiten und kollegialen Menschen kennengelernt. Ich informierte ihn über die Beschwerde und holte mir die Bestätigung hinsichtlich des Termins zur Klärung des Konflikts.
Schließlich trafen wir uns zur besprochenen Zeit, um das Thema zu erörtern. Schon ging es los. Beide sprachen gleichzeitig nach dem Motto: Hauptsache laut und aggressiv, dann wird`s schon richtig sein. Wie das eben oft in solchen Konfliktsituationen ist. Ich saß also zwischen den beiden, einem fast schon normalen Setting einer Mediation und wurde von beiden Seiten so laut besprochen, dass es mir nur gelang, die Mimik und Gestik der Beteiligten wahrzunehmen. Beide hatten natürlich Recht. Und beide hatten natürlich auch Unrecht. Es kam eben auf die Perspektive an.
Trotz der verhärteten Fronten konnte ich spüren, dass sie sich gegenseitig nicht unsympathisch waren. Umso besser, wenn man täglich miteinander zu tun hat, dachte ich. Es ging also nur darum, Ruhe zu schaffen, dafür Sorge zu tragen, dass sie nacheinander sprechen und dem anderen zuhören. Das ist als Vorgesetzter keine große Herausforderung. Hier macht man doch gerne von seiner Macht Gebrauch und stellt für beide verständlich ein Stoppschild auf. „So meine Herren, wie ich sehe, können Sie mich für diesen Konflikt überhaupt nicht gebrauchen. Mir fällt auf, dass es lediglich an der Form ihrer Kommunikation liegt. Bitte nehmen sie sich nun hier die Zeit, besprechen das in einem vernünftigen Rahmen und klären den Sachverhalt, wie sie das sonst auch tun. Mich benötigen sie dazu nicht. Die Zeit kann ich besser nutzen, sagte ich. Falls doch, wissen sie ja, wo sie mich finden. Ich warte aber darauf, dass sie mich am Ende ihres Gesprächs über den Ausgang des Disputs informieren“.
Keine 15 Minuten später kam mein Kollege erleichtert in mein Büro und sagte ganz lapidar: Ist geklärt! „Das war ja einfach“, entgegnete ich ihm. So richtig weiß ich bis heute nicht, weshalb die Sache so eskaliert ist. Ich habe aber gesehen, dass wirklich die Beteiligten am besten wissen, wie der Konflikt zu lösen ist, sie lediglich einen Impuls benötigen.
Dieses Beispiel unterstreicht die Tatsache, dass Menschen in der Regel am besten wissen, wie der Konflikt zu lösen ist, häufig allerdings einen Anstoß benötigen.
Dimitrios Papadopoulos; geb. 16.08.1968 in München; Volkswirt B.Sc, Mediator und Coach, wohnhaft in Neustadt an der Weinstraße; Repräsentant der Stiftung im Bundeslandes Rheinland-Pfalz; während der Tätigkeit als leitender Angestellter mit zahlreichen, interkulturellen Konflikten konfrontiert; das Motiv, die gemachten Erfahrungen im Umgang mit Konflikten zu professionalisieren, gab den Ausschlag zur Mediationsausbildung; selbstständig tätig als Berater, Mediator und Coach.

