Einigen statt Streiten
1. Okt 2011: Zwei Brüder, Anton B. und Kurt B. streiten sich seit Jahren und führen inzwischen einen Kleinkrieg. Anton, der ältere Bruder, ist kinderlos verheiratet. Kurt ist auch verheiratet und hat zwei Kinder. Er bewohnt in Hanglange ein großes Einfamilienhaus in direkter Nachbarschaft oberhalb zu Kurts Grundstück. Die Schwägerinnen sind keine Freundinnen geworden, um es vorsichtig auszudrücken. Die Mutter der beiden Kontrahenten lebt ebenfalls in diesem Wohngebiet.
Der Konflikt resultiert aus dem Streit um Gebrauchsgegenstände, die mit und ohne Zustimmung gegenseitig „ausgeliehen“ und nicht oder beschädigt zurückgegeben wurden: Es geht um Rasenmäher, Kreissäge, Heckenschere und mehr. Es geht auch um Beleidigungen und um angeblich schlecht erzogene Kinder. Außerdem streiten sich die Brüder, weil sie Grenzsteine nicht beachtet haben. Die Auseinandersetzung schaukelt sich hoch, als das Oberflächenwasser bei starkem Regen ungehindert und mit Jauche einer Odelgrube versetzt den Gesetzen der Physik folgend von Antons Grundstück in Kurts Anwesen hinunter fließt.
Das Fass zum Überlaufen bringt schließlich eine Kreissäge. Anton hatte der Mutter das Werkzeug geliehen. Sie gibt die Säge, nichts Schlimmes denkend, an Kurt weiter, der sie als Faustpfand für seine behaupteten Ansprüche gegen Anton nicht mehr herausgibt.
Anton entscheidet sich, mit Hilfe seiner Rechtsschutzversicherung gerichtlich vorzugehen. Die Versicherung schlägt als Weg zu Einigung eine Mediation vor. Mit Hilfe eines neutralen Vermittlers sollen die Brüder eine Lösung erarbeiten.
Die Brüder haben keinerlei Kenntnis von Mediation und stehen ihr sehr kritisch bis ablehnend gegenüber. Üblicherweise werden solche Konflikte regionalbedingt schließlich „mannhaft“ ausgetragen, Drohgebärden wie „mein Anwalt wird es dir schon zeigen“ sind inbegriffen. Geduldige und wertschätzende Aufklärungsarbeit ist vonnöten. Zunächst ist der Mediator mit den üblichen Fragen konfrontiert: „Was bringt eine Mediation?“ „Wie lange dauert das?“ „Was kostet das?“ Geduldig beantworte der Mediator alle Fragen und legt danach mit seinen Medianden gemeinsam die Regeln für ein Miteinander während der Mediation fest. Auch das ist mit den beiden Brüdern ein schwieriger Prozess. Nachdem sie sich darauf eingelassen haben, verläuft die Kommunikation über den Mediator und im Verlauf der Sitzungen sogar einigermaßen gefasst zwischen den beiden Brüdern ab.
Nach zwei weiteren Terminen vor Ort steht dann die Einigung schon kurz bevor. Und doch droht ein unvermittelter, persönlicher Angriff Kurts die Mediation zum Scheitern zu bringen. Nur die drastische Schilderung der Alternativen, falls sie sich nicht einigen, führt dann schließlich zur Lösung. Den Brüdern wird klar, dass eine absehbar jahrelange, nervenzehrende Auseinandersetzung auf sie zukäme und dass diese mit sehr hohen Kosten verbunden wäre.
Die folgende Einigung wird sofort protokolliert und von Anton B. und Kurt B. unterschrieben. Anton teilt seiner Rechtschutzversicherung mit, dass er sich mit seinem Bruder geeinigt hat und unmittelbar darauf tauschen die Brüder die Gegenstände aus. Kurt gibt Anton den Rasenmäher zurück. Im Gegenzug dazu kann Anton seine Kreissäge wieder in Empfang nehmen. Auch in dieser Phase unterstützt der Mediator die Brüder.
Die betagte Mutter der Brüder dankt es ihren Söhnen.
(Dieser Fall hat sich so zugetragen. Die Namen der Kontrahenten sind frei erfunden.)
Einigen statt Streiten - meine Lebenseinstellung - hat sich auch in diesem Fall wieder bewährt.
Viktor Müller, Neubiberg, Vorstandsvorsitzender und Mitgründer der Deutschen Stiftung Mediation, Wirtschaftsmediator seit 2007
